Lehre

Seit dem Wintersemester 2016/2017 deckt das Image Guidance Lab in Kooperation mit der Humboldt Universität zu Berlin sowie der Rice University Houston mit der Wahlfachveranstaltung "ICONIC TURN - wie Bilder unser Handeln bestimmen" Fragen der Bildpraxis im Rahmen des Medizinstudiums ab, die - bisher einmalig im Curriculum - den zunehmend komplexen und hochspezialisierten Visualisierungsstrategien in Diagnose und Therapie gerecht werden. - In Kooperation mit dem Berliner Simulations- und Trainingszentrum (BeST) entwickelt das Image Guidance Lab Kurskonzepte zum standardisierten Einsatz von Medizintechnik im prä-, intra- und postoperativen Einsatz.

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ICONIC TURN – wie Bilder unser Handeln bestimmen

Ziel und Inhalt des Wahlpflichtmoduls

Von der ersten Beschwerde zur Arbeitsdiagnose und eventuellen Operation wird mit zunehmend detaillierten Bildgebungen den Symptomen von Patientinnen und Patienten ein bildgebendes Korrelat als Ursache zur Seite gestellt. Die chirurgischen Optionen, eine eventuelle Anomalie zu korrigieren, werden anhand spezifischer Visualisierungen der Pathologie und deren Umgebung vom ärztlichen Team evaluiert und dann mit der Patientin oder dem Patienten im Sinne einer Nutzen-Risiko-Abwägung besprochen. Einigt man sich auf eine Operation, folgt die Planung des chirurgischen Eingriffs anhand bildbasierter chirurgischer Planungssoftware, welche es z.B. ermöglicht, den optimal erscheinenden Zugangsweg zur Pathologie vorzuzeichnen und etwaige Risikostrukturen zu markieren. Während der Operation nutzt die Chirurgie die Bildinformationen, um Handlungen zielgerichtet auszuführen. Im Extremfall wird der gesamte Eingriff anhand von Bildern vorgeplant und robotisch ausgeführt. Die Erfolgskontrolle nach der Operation erfolgt ebenso bildbasiert.

Die übergeordneten Ziele des Moduls sind, die Studentinnen und Studenten für die außerordentliche Bedeutung des „Bildes“ in der modernen Medizin, insbesondere der Chirurgie, zu sensibilisieren: Bilder entfalten im klinischen Routineeinsatz eine imperativ handlungsanleitende Funktion, sowie die zukünftigen Ärztinnen und Ärzte in die Lage zu versetzten, medizinische Bildgebungen im Sinne der Patientinnen und Patienten bestmöglich einzusetzen.

Hierfür ist ein bildkritisches Wissen Voraussetzung, welches anhand von drei Themenbereichen vermittelt werden soll: erstens durch eine vergleichende Analyse der beteiligten Medien und ihren technischen Verfahren und Darstellungsmodalitäten, zweitens durch deren historische Einordnung sowie drittens durch die Übersicht über die Orte und Zeitpunkte, an denen Bilder wirksam werden. Hierdurch werden die Mechanismen, mit denen Bilder in sämtliche Prozesse eingreifen, nachvollziehbar.

Neben der Vermittlung der grundlegenden Befähigung zur Bildkritik ist eine weitere Säule des Moduls die kontinuierlich zu aktualisierende Vermittlung technischer Entwicklungen im Bereich der medizinischen Bildgebung. Hierbei liegt der Fokus auf der zunehmenden Synchronisierung von Bild und Körper in 3D, Augmented und Virtual Reality-Anwendungen sowie auf der fortschreitenden Distanzierung von Personal und Patientinnen und Patienten im Sinne von Preplanning, Remote Control und Robotik.

Die Studierenden sollen insgesamt die notwendige Professionalität im Umgang mit Bildern erlangen, die es ihnen ermöglicht, jetzt und in der Zukunft die Möglichkeiten der medizinischen Bildgebung optimal zu nutzen. Den theoretischen Erörterungen im Rahmen der Großgruppen Seminare werden entsprechende klinische Fallstudien im Rahmen des Kleingruppenunterrichts zur Seite gestellt. Zudem werden thematisch passende Simulationspatienten Gespräche und OP- Hospitationen angeboten.

Struktur und Inhalt des Wahlpflichtmoduls

Das theoretische Hintergrundwissen baut sich über die Dauer des Seminars in Bezug auf das jeweilige konkrete Hands-on/Hospitations Beispiel des Tages auf. Durch die Verschränkung von Theorie und konkreter klinischer Umsetzung wird die Bedeutung der im Seminar vermittelten multidisziplinären Perspektive verdeutlicht. Als roter Faden dient ein realer onkologischer neurochirurgischer Fall, der von der ersten bildgebenden Diagnose bis zur Durchführung der bildbasiert geplanten Operation über die Dauer des Seminars entwickelt wird. 

Das Modul „ICONIC TURN – wie Bilder unser Handeln bestimmen“ ist hierbei innerhalb der Neurochirurgie angesiedelt, da in der Neurochirurgie traditionell neuartige bildgebende Verfahren eingesetzt werden, was sich unter anderem darin begründet, dass intrakraniell keine explorativen Eingriffe durchgeführt werden können und zudem die (funktionelle) Anatomie des Gehirns sich durch eine besondere Komplexität auszeichnet. Traditionell obliegt es den Chirurginnen und Chirurgen, aus 2D- Schnittbildern einen 3D-Behandlungsplan mental zu kreieren. Diesem 3D- Vorstellungsvermögen kommt bei der Planung und intraoperativen Orientierung und somit bei der erfolgreichen Durchführung der Operation eine sehr wichtige Bedeutung zu. Während z.B. im Bereich der Spieleindustrie 3D- Technologien bereits weit verbreitet sind, ist ihre Einführung in die klinische Routine bis dato noch nicht weit vorangeschritten. Ein Grund hierfür ist, dass die potentiellen Anwenderinnen und Anwender, so etwa die Ärzteschaft, noch traditionelle Sehgewohnheiten haben und über wenig Erfahrung im Umgang mit stereoskopischen Visualisierungen verfügen. Die Einführung in moderne Visualisierungstrategien und stereoskopische Projektionstechnologien innerhalb des Moduls „ICONIC TURN – wie Bilder unser Handeln bestimmen“ stellt somit eine wichtige Voraussetzung für die notwendige Entwicklung zum Einsatz von 3D-Technologie in der klinischen Routine dar. Wissen aus den Modulen „Gesundheit und Gesellschaft“, „Nervensystem“ und „Neoplasie als Krankheitsmodell“ wird im Rahmen des Seminars vertieft werden.

 

 

Lernspirale

Im Kontext des gesamten Curriculums bietet das Modul „ICONIC TURN – wie Bilder unser Handeln bestimmen“ die einmalige Möglichkeit, fachübergreifende Bildkompetenz zu erwerben und diese im neurochirurgischen Kontext in ihrer klinischen Bedeutung zu verinnerlichen. Die hierdurch erworbenen Handlungskompetenzen können die Studierenden für ihre spätere berufliche Tätigkeit, unabhängig von der Wahl der Fachdisziplin, nutzen.

 

Lernziele

Durch die rasante Entwicklung der Informationstechnologien hat sich der ärztlich-klinische Alltag in den letzten Jahren in einer nie dagewesenen Form verändert. Der klassische Algorithmus aus Anamneseerhebung, körperlicher Untersuchung und Synthese wurde zunehmend abgelöst durch eine Dominanz der primär visuell vermittelten Diagnosestellung und Therapieplanung. Hierbei kommen zunehmend komplexe und hochspezialisierte Visualisierungsstrategien in Diagnose und Therapie zum Einsatz.  Das Wahlpflichtmodul „ICONIC TURN – wie Bilder unser Handeln bestimmen“ trägt dieser Entwicklung Rechnung, in dem es unter Einbindung verschiedener Disziplinen eine zeitgemäße Bildkompetenz vermittelt, die Voraussetzung für einen sinnvollen Einsatz aktueller Medien ist und aus der medizinischen Fakultät allein heraus nicht vermittelbar ist. Das Modul wird neben Medizinerinnen und Medizinern durch Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern, Interaction-Designerinnen und Interaction-Designern, Visualisierungs-Spezialistinnen und Visualisierungs-Spezialisten, Gaming-Expertinnen und Gaming-Experten sowie Kulturhistorikerinnen und Kulturhistorikern gelehrt. Die Inhalte des Wahlmoduls sind zudem in Kooperation mit dem Medical Futures Lab der Rice University, Houston, USA (http://www.medicalfutureslab.org) abgestimmt, einem der wenigen Labore weltweit, das Erfahrung mit der Einbindung moderner Kommunikationsstrategien in die universitäre Lehre hat.

Das Modul „ICONIC TURN – wie Bilder unser Handeln bestimmen“ geht somit weit über die Wissensvermittlung im Bereich der neuroradiologischen Diagnostik hinaus – vermittelt wird eine Bildkompetenz, die den gesamten Alltag zukünftiger Ärztinnen und Ärzte bestimmt, vom ersten Patientenkontakt bis zum Abschluss der Behandlung.

Die Studierenden sollen:

1) die Bedeutung des Bildes für die Diagnosestellung aus kulturhistorischer, medizingeschichtlicher und technischer Perspektive verstehen.

2) lernen, wie Bilddaten genutzt werden, um die Handlung von Chirurginnen und Chirurgen anzuleiten.

3) die Möglichkeiten moderner Visualisierungsstrategien, wie 3D, AR, VR im medizinischen Kontext kennen lernen und beurteilen können.

4) den Einfluss der zunehmenden Technisierung auf die Arzt-Patienten-Beziehung und die möglichen Folgen für Krankenhausinfrastruktur und Gesundheitssystem benennen können.

Vorausgesetztes Wissen und Fertigkeiten

Das Modul „ICONIC TURN – wie Bilder unser Handeln bestimmen“ befähigt die Studierenden in einem innovativen, interdisziplinären Format, welches Bildtheorie und Bildpraxis verknüpft, mit aktuellen und zukünftigen Visualisierungsstrategien professionell umzugehen. Spezifische Vorkenntnisse sind für die erfolgreiche Teilnahme nicht erforderlich. Offenheit für Gedanken- und Visualisierungsexperimente, Gruppendiskussion, kritische Selbstreflexion und der „Blick über den Tellerrand“ sind dem Erfolg der Lehrveranstaltung zuträglich.

 

 

 

 

Impressionen Iconic Turn 2019

Quelle: Maxime Le Calve
Quelle: Maxime Le Calve
Quelle: Maxime Le Calve
Quelle: Maxime Le Calve
Quelle: Maxime Le Calve
Quelle: Maxime Le Calve
Quelle: Maxime Le Calve